„Ich sitze nachts um drei vor dieser Tabelle und kontrolliere zum zehnten Mal jede einzelne Zelle. Mein Nacken brennt, meine Augen tränen, meine Konzentration ist eigentlich schon lange am Arsch! Ich mache das nicht, weil ich ein Fan von Excel bin. Ich mache das, weil ich weiß, dass ich sonst Flüchtigkeitsfehler mache und panische Angst davor habe, so wie früher von meiner Mutter als ‚unfähig‘ oder als ‚zu faul, um es richtig zu machen‘ bewertet zu werden.“
In diesem Beispiel aus meiner Beratungsarbeit (Person mit ADHS) ist das Streben nach Perfektion kein Symptom, sondern eine Strategie. Ein nützliches Schutzschild, um sich wiederholtem Schmerz durch Bewertung zu entziehen. Wenn der eigene Selbstwert durch Kommentare von außen immer wieder angekiekst wird, tut jeder weitere halbwegs negative Kommentar einfach nur noch furchtbar weh.
Ein anderes Beispiel, diesmal aus dem autistischen Spektrum, bei dem Symptom und Strategie sich zum Verwechseln ähnlich sehen:
„Ich verlasse die Team-Feier, immer dann, wenn es eigentlich gerade erst richtig losgeht. Ich sehe die komischen Blicke der Kolleginnen und Kollegen. In meinem Kopf dröhnt es aber wie in einem Bahnhofsgebäude. Jedes Lachen, jedes Klirren von Gläsern tut mittlerweile physisch weh. Ich will nicht unhöflich sein. Dass ich sofort gehe, ist meine Notbremse, um einen Meltdown zu verhindern.“
Klassischer Rückzug wegen Schwierigkeiten mit der sozialen Interaktion oder clevere Strategie, um Schlimmeres zu verhindern?
Der Blick hinter die Maske
Wenn wir über Neurodiversität an Hochschulen oder in Unternehmen sprechen, bewerten wir meistens das, was wir im Außen sehen. Wir sehen die Mitarbeiterin, die penibel jedes Detail hinterfragt, oder den Studenten, der seine Arbeit grundsätzlich erst fünf Minuten vor der Deadline einreicht.
Dabei sollten wir lernen, die entscheidende Frage zu stellen: Ist dieses Verhalten ein direktes Symptom der neurologischen Verdrahtung – oder ist es eine mühsam erlernte Strategie, um in einer Welt zu bestehen, die nicht für das eigene Gehirn gebaut wurde?
In der Psychologie kennt man diese Art von Verhalten als Überkompensation, im Neurodiversitätsdiskurs gehört es zum sogenannten Masking oder Camouflaging. Der Unterschied zwischen Symptom und Strategie ist fundamental für die Art und Weise, wie ich Menschen unterstütze und berate.
Doppelgesichter: Symptom oder Überlebensstrategie?
Hier sind die häufigsten Verhaltensweisen, die wir oft als Symptom missverstehen, obwohl sie eigentlich eine (oft erschöpfende) Überlebensstrategie sind:
1. Perfektionismus: Präzision vs. Angst-Vermeidung
- Als Symptom: Viele autistische Gehirne haben eine natürliche, tiefe Freude an Systematik und Detailtiefe. Ein Fehler fühlt sich neurologisch „unruhig“ an.
- Als Strategie: Wer jahrelang für ADHS-bedingte „Schusseligkeit“ kritisiert wurde, nutzt Perfektionismus als Tarnmantel (Masking). Der Standard von 150 % soll sicherstellen, dass niemand merkt, wie schwer einem die eigentlich „einfachen“ Aufgaben fallen.
2. Prokrastination: Blockade vs. Adrenalin-Kick
- Als Symptom: Die exekutive Dysfunktion bei ADHS. Das Gehirn findet den „Startknopf“ nicht, obwohl der Wille da ist.
- Als Strategie: „Druck-Doping“. Da das Gehirn zu wenig Dopamin ausschüttet, wird die Aufgabe unbewusst bis zum letzten Moment aufgeschoben, damit der pure Stress (Cortisol und Adrenalin) den nötigen Fokus erzwingt. Prokrastination ist hier das einzige Werkzeug, das funktioniert – aber es brennt aus.
3. Rigidität & Routinen: Bedürfnis vs. Externes Gerüst
- Als Symptom: Das neurologische Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit bei Autismus, um das Nervensystem sicher zu halten.
- Als Strategie: Viele neurodivergente Menschen bauen sich extrem starre Strukturen als „externes Skelett“ (Scaffolding), um ihre Vergesslichkeit oder Ablenkbarkeit abzufangen. Werden diese Routinen gestört, bricht nicht der „Wille“ der Person, sondern ihr funktionelles System zusammen.
4. Sozialer Rückzug: Depression vs. Regulation
- Als Symptom: Meiden des Kontakts zu Freunden, Familie und Kollegen.
- Als Strategie: Bewusstes Energiemanagement. Der Rückzug erfolgt, um wieder aufzutanken und die eigene Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge, um den sogenannten Autistic Burnout (Raymaker et al., 2020) zu vermeiden.
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Die Forschung von Lucy Livingston (2019) macht deutlich: Nur weil jemand nach außen hin „funktioniert“ und keine auffälligen Symptome zeigt, bedeutet das nicht, dass die Person weniger Unterstützung braucht. Im Gegenteil: Hochkompensierende Menschen tragen eine enorme kognitive Last. Sie „rechnen“ permanent im Hintergrund mit, um neurotypisch zu wirken.
Das Ergebnis? Chronische Erschöpfung, Burnout, Depressionen und Angststörungen. Die Strategie, die einen im Job hält, ist oft dieselbe, die einen langfristig krank macht.
Fazit für Organisationen: Strategien kann man nicht „wegcoachen“
In meiner Beratung für Hochschulen und Unternehmen ist das mein wichtigster Hebel: Wir müssen aufhören, an den Strategien herumzudoktern.
- Ein Zeitmanagement-Kurs hilft bei ADHS-Prokrastination oft nicht, weil das Problem kein Mangel an Wissen ist, sondern ein Mangel an Dopamin.
- Ein Kommunikationstraining, das autistische Menschen zwingt, mehr Blickkontakt zu halten, erhöht nur den Stress des Maskings.
Der echte Weg zur Neuroinklusion an Universitäten und in Unternehmen: Wir müssen Umfelder so gestalten, dass diese kräftezehrenden Schutzschilde weniger nötig werden. Wer psychologische Sicherheit erlebt, muss keine Fehler durch Perfektionismus maskieren. Wer flexible Pausenzeiten hat, muss seinen Rückzug nicht rechtfertigen.
Ich kann diese Umsetzung mit Ihnen anpacken.
Quellen
Livingston, L. A. & Happé, F. (2017). Conceptualising compensation in neurodevelopmental disorders: Reflections from autism spectrum disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 2017; 80, 729–742. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2017.06.005
Livingston, L. A., Shah, P., & Happé, F. (2019). Compensatory strategies below the behavioural surface in autism: a qualitative study. The Lancet Psychiatry, 2019; 6, 766-777. https://doi.org/10.1186/s13229-018-0252-y
Raymaker, D. M., Teo, A. R., Steckler, N. A. et al. “Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew”: Defining Autistic Burnout. Autism in Adulthood. 2020;2(2):132-143. https://doi.org/10.1089/aut.2019.0079







