Bereits 2017 schlägt der Kinderarzt und Entwicklungspädiater Oskar Jenni in der Fachzeitschrift »Lernen und Lernstörungen« vor, ADHS – analog zum Autismus – auf einem Spektrum zu verorten. Er stellt darin eine radikale, aber wissenschaftlich notwendige Frage: Ist ADHS wirklich eine klar abgrenzbare diagnostische Kategorie oder vielmehr eine kontinuierlichen Verteilung von Verhaltensmerkmalen in der gesamten Bevölkerung?
Das ist doch krank! Oder? 🤔
Jennis Argumentation folgt einem Modell, das auch in der Soziologie von zentraler Bedeutung ist: Die Grenzen zwischen „unauffällig“ und „diagnostisch relevant“, zwischen „gesund“ und „krank“ sind oft willkürlich gesetzt. Sie sind sozial konstruiert – das heißt, dass Bedeutungen oder Realitäten nicht natürlich und universell gegeben sind, sondern erst durch gesellschaftliche Vereinbarungen, Interaktionen und gemeinsame Überzeugungen entstehen. Ob ein Verhalten als Symptom wahrgenommen wird, hängt demnach weniger an einer biologischen Schwelle, sondern weit mehr an den Anforderungen, die unsere gesellschaftliche Umwelt an uns stellt.
Oskar Jennis Arbeit markiert oft den Wendepunkt, ab dem die Fachdiskussion im deutschsprachigen Raum weg von der rein kategorialen Diagnose („Ja/Nein“) hin zu einem fließenden Übergang im Sinne einer Normalverteilung ging: ADHS Symptome sind kontinuierlich in der Population verteilt.
Anstatt zu fragen, ob oder wie stark jemand ADHS hat, sollten wir fragen, wiesich die individuelle Symptomatik zusammensetzt. Denn genau wie bei der Autismus-Spektrum-Störung, weist jedes Individuum ein einzigartiges Profil in verschiedenen Symptom-Clustern auf. Exekutive Funktionen (Organisation, Zeitmanagement, Priorisierung, usw.), Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle, Sensorische Verarbeitung (Über- oder Unterempfindlichkeit für Reize) oder emotionale Regulation können ganz verschieden hoch oder tief eingestellt sein.
Sind wir nicht alle ein bisschen ADHS?
Wer hat als Betroffene/r den Satz nicht schon gehört: „Ein bisschen ADHS haben doch alle.“Diese – meist abwertende – Sichtweise suggeriert eine lineare Skala, auf der man sich irgendwo zwischen „normal“ und „stark betroffen“ bewegt. Doch das ADHS-Spektrum ist keine Linie, auf der man die Lautstärke nach links oder rechts zieht. Es ist eher mit einem Equalizer vergleichbar, bei dem man viele verschiedene Regler hat, die unterschiedlich intensiv eingestellt sind.

Jedes Frequenzband (hier: jedes ADHS-Merkmal) hat einen eigenen Regler mit Abstufungen von bspw. 1 bis 50. Wenn wir uns 22 ADHS‑Merkmale1 mit jeweils 50 Abstufungen vorstellen, dann ergeben sich daraus rein rechnerisch 5022 verschiedene Profile. Eine gigantische 38‑stellige Zahl, etwa so groß wie die Anzahl der Atome im beobachtbaren Universum!
Damit ist die Wahrscheinlichkeit wirklich hoch, dass keine zwei Menschen exakt dasselbe ADHS‑Muster haben. Das hatte auch Judy Singer mit ihrem Schneeflocken-Vergleich ausgedrückt.
Vom Störungsbild zur kognitiven Varianz
Wenn wir den Spektrums-Gedanken und die Idee einer gesamtgesellschaftlichen Normalverteilung konsequent weiterführen, verändert das unseren Blick auf Neurodivergenz grundlegend.
Weg von der Defizit-Linie: Wenn ADHS-Merkmale (wie Impulsivität oder Ablenkbarkeit) in der gesamten Bevölkerung normalverteilt sind, dann gibt es kein klares „Drinnen“ oder „Draußen“. Das „Spektrum“ ist keine Linie, die von „ein bisschen“ bis „sehr stark“ reicht, es ist eine Dimension.
Auch die internationale Konsenserklärung der World Federation of ADHD stützt durch ihre Erkenntnisse das Spektrum‑Bild von ADHS: Sie stellen fest, dass sich Symptomstärke und Funktionsbeeinträchtigungen im Lebensverlauf verschieben können (die Regler verstellen sich), ohne dass ADHS einfach „weg“ ist. Außerdem entsteht ADHS fast nie durch einen Faktor, sondern durch viele genetische und umweltbedingte Faktoren, die in unterschiedlichen Kombinationen (!) zusammenkommen. Wieder viele unterschiedliche Regler.
ADHS ist also nicht „hat man“ oder „hat man nicht“. Es ist eine vielfältige Kombination aus Symptomintensität, Kontextbedingungen und Ressourcen – ein Spektrum eben.
- adxs.org listet 22 ADHS-Symptome nach Erscheinungsformen: https://www.adxs.org/de/page/332/forum ↩︎
Quellen
Barkley, R. A. (2015): Attention-Deficit Hyperactivity Disorder: A Handbook for Diagnosis and Treatment.
Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., et al. (2021): The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022**







