Komorbidität

« Zurück zum A-Z Index

In der Medizin und klinischen Psychologie beschreibt Komorbidität das gleichzeitige Bestehen von zwei oder mehr eigenständigen Diagnosen bei einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt. In der Neuropsychologie wird zwischen der Primärdiagnose (z. B. ADHS oder Autismus) und den Begleitdiagnosen (Komorbiditäten) unterschieden, wobei diese Trennung aufgrund enger neurobiologischer Wechselwirkungen oft komplex ist.

Prävalenz und klinische Relevanz

Im Bereich der neurologischen Entwicklungsstörungen ist das Auftreten isolierter Profile eher die Ausnahme. Studien belegen, dass bis zu 80 % der Erwachsenen mit ADHS mindestens eine zusätzliche psychiatrische Diagnose aufweisen, wobei mehr als 50 % zwei oder mehr Komorbiditäten erfüllen (Faraone et al., 2021). Bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zeigen Schätzungen eine ähnlich hohe Rate von etwa 70 % für mindestens eine Begleiterkrankung.

Häufige Komorbiditätscluster bei ADHS und Autismus

Psychiatrische Begleiterkrankungen

Affektive Störungen: Depressionen und bipolare Störungen treten signifikant häufiger auf. Oft entwickeln sich diese sekundär durch chronische Überforderungsgefühle und das Erleben von Misserfolgen.

Angststörungen: Insbesondere soziale Phobien und generalisierte Angststörungen sind weit verbreitet, oft verstärkt durch sensorische Überreizung oder soziale Interaktionsschwierigkeiten.

Substanzmissbrauchsstörungen: Bei ADHS besteht ein erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen (Nikotin, Alkohol, Drogen), oft im Rahmen von Selbstmedikationsversuchen zur Regulation von Impulsivität oder Reizoffenheit.

Entwicklungsbezogene Komorbiditäten

Lern- und Leistungsstörungen: Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung) und Dyskalkulie (Rechenstörung) zeigen eine hohe Komorbiditätsrate mit ADHS (ca. 20–40 %).

Tic-Störungen und Tourette-Syndrom: Diese treten überproportional häufig gemeinsam mit ADHS-Profilen auf.

AuDHS (Überlappung von ADHS und Autismus): Lange Zeit schlossen sich die Diagnosen im DSM-IV gegenseitig aus. Seit dem DSM-5 und der ICD-11 ist die parallele Diagnose zulässig und bildet klinisch eine eigene, hochkomplexe Kategorie der Reizverarbeitung.

Somatische und funktionelle Begleiterscheinungen

Schlafstörungen: Über 70 % der Betroffenen berichten von Ein- und Durchschlafstörungen, die häufig mit einer verzögerten circadianen Rhythmik (Melatonin-Haushalt) zusammenhängen.

Adipositas und Essstörungen: Insbesondere Binge-Eating-Störungen korrelieren bei ADHS oft mit mangelnder Impulskontrolle und dem Dopamin-Belohnungssystem.

Autoimmunerkrankungen und Allergien: Neuere Forschungen deuten auf einen Zusammenhang zwischen neurobiologischen Entwicklungsstörungen und einer erhöhten Reaktivität des Immunsystems hin (Instanes et al., 2018).

Quellen

Faraone, S. V. et al. (2021): The World Federation of ADHD International Consensus Statement. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews.

Instanes, J. T. et al. (2018): Adult ADHD and Comorbid Somatic Disease: A Systematic Review. In: Journal of Attention Disorders.

Simonoff, E. et al. (2008): Psychiatric disorders in children with autism spectrum disorders. In: Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry.

WHO (2022): ICD-11 – International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics.

« Zurück zum A-Z Index